Klassentreffen . . . .
. . . . nach dem gemeinsamen Schulabschluss sind nett, gesellig und eine wunderbare Tradition. Je früher man damit beginnt und je kürzer die einzelnen Zeitabstände sind, um so weniger besteht die Gefahr, dass man das Interesse und sich somit aus den Augen verliert.
Nicht jedem ist es möglich, von Anfang an und/oder jedes Mal dabei zu sein, was zu gewissen - was sag´ ich - erheblichen Irritationen führen kann. Da weiß man nämlich beim ersten Treffen unter Umständen noch nicht einmal, eine der ehemals besten Freundinnen richtig einzuordnen, und ist auf gewisse Reizwörter oder die Hilfe anderer Mitschüler angewiesen. Wenn diese Hürde dann aber genommen ist, kann man an frühere Zeiten anknüpfen und es wird so richtig lustig und laut. Auch die Poesiealben von damals werden ausgetauscht und humorvoll kommentiert - zwischendurch aber immer wieder ein ungläubiges Kopfschütteln über die mangelnde Erinnerungsfähigkeit bei der Begrüßung und Suche nach den Gründen.
Klar - nach dem Schulabschluss versucht ja doch jeder erst einmal, irgendwo und irgendwie Fuß zu fassen. Auch will man herausfinden, welcher Typus man eigentlich ist. Also wird alles Mögliche ausprobiert. Auch die äußere Veränderung gehört dazu. Während der Schulzeit waren wir ja eigentlich alle irgendwie blond bis mittel-blond, dunkel-blond und braun, trugen ganz normale, unauffällige Kleidung. Jetzt waren Modefarben für die Haare und Trendfrisuren angesagt, dazu ausgefallene oder auch gewagte Outfits, mit denen man schon fast provokativ auf den Klassentreffen erschien. Das schmälert natürlich den Wiedererkennungswert.
Bemerkenswert empfand ich bei den Klassentreffen, dass wir ehemaligen Schülerinnen uns zeitweise wieder so formierten, wie wir es schon während der Schulzeit taten. Da hat man ja wohl in jungen Jahren doch offensichtlich schon ganz starke Akzente gesetzt.
Auffallend wichtig war für uns junge Erwachsene auch die Tatsache, dass aus uns nun "etwas geworden" war, was es zu demonstrieren galt, besonders, wenn man während der Schulzeit nicht gerade zu den "Leuchten" zählte. Da staunten dann die anderen nicht schlecht.
Mit der Zeit kam hinzu, dass der Aufstieg auch zu Besitz und Ansehen geführt hat, was den anderen keinesfalls entgehen durfte. Entsprechend wurde "Beweismaterial" gleich mitgeliefert. Weitere Jahre später waren es die eigenen Kinder - danach die Enkelkinder - , von deren Interessen, Begabungen und Erfolgen schwärmerisch zu berichten war. Unzählige Fotos wurden herumgereicht und mit Anerkennung durfte nicht gespart werden. Für die meisten - nicht für alle - war das sehr, sehr wichtig.
Die Jahre gehen ins Land. Lebensstil, Lebensumstände, Krankheiten, Schicksalsschläge haben nun inzwischen auch ihre Spuren hinterlassen und können nicht wegdiskutiert werden. Und das will auch gar keiner. So, wie früher die Erfolgsgeschichten für viele Zuhörer sorgten, ist es jetzt der Kummer des Einen oder Anderen , der aufhorchen lässt. Und da spürt man dann die Gemeinschaft der ehemaligen Klasse und Schülerinnen und die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Und wenn durch den eigenen Lebenslauf die Umsetzung der im Poesiealbum versprochenen ewigen Freundschaft nicht möglich war, so steht sie jetzt wieder im Vordergrund.
Beim Klassentreffen 50 Jahre nach dem Schulabschluss ist nicht mehr wichtig, wie viel der Einzelne an Materiellem erworben hat. Thema ist jetzt, wie viel er an Tiefe, Weisheit und Stärke gewonnen hat und mit sich und seinem Leben zufrieden ist.
Hoffentlich kommen Klassentreffen niemals aus der Mode, wenn es wohl auch nicht immer gelingen wird, diese über 50 Jahre lang zu pflegen.
Tatjana Scherber