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Spuckende Kerzen

Es war einige Wochen vor dem Weihnachtsfest 1946. Wie ein jeder weiß, der damals in Deutschland lebte, war es eine Zeit voller Nöte. Es gab nur wenig zu essen und die Dinge, die zum täglichen Leben gebraucht wurden, waren schwer oder gar nicht erhältlich. Kerzen waren das zum Beispiel. Die allerletzten Stummel waren schon bis zum vorigen Weihnachtsfest endgültig verbraucht, in Nächten ohne Strom und im Luftschutzkeller. Es war kein Krümelchen übrig geblieben.

Wir, Mutter und drei Jugendliche, 18, 15 und 11 Jahre, lebten damals in der List. Mein Bruder, unser Jüngster, trieb sich mit seinen Freunden gerne in den nahen Trümmern herum, was ihm eigentlich schwer verboten war. Doch tat er es heimlich immer wieder. Einmal bekam er dafür nicht geschimpft: als er mit einem großen Klumpen von undefinierbarer Farbe nach Hause kam, von dem er behauptete, dass es „Erdwachs" sei. Denn Wachs, das war es doch, was wir gerade jetzt so nötig brauchten. Das Kerzenmachen konnte doch so schwierig nicht sein.

Keiner von uns hatte eine Ahnung, wie das gehen sollte. Von einer Idee hangelten wir uns zur nächsten. In einer Konservendose auf dem Küchenherd wurde geschmolzen. In Mutters schmiedeeisernen Bratentopf kam eine halbierte Kartoffel, die durchstochen war. Unterwärts lag ein Nagel quer, mit einem Baumwollfaden umwickelt. Das war der Docht. Er wurde durch ein metallenes Rohrstück geführt, das in der Kartoffel steckte. Darin der straff gezogene Faden. Vorsichtig gossen wir das geschmolzene „Wachs" hinein und warteten gespannt das Erkalten ab. Hurra, es sah nach einer Kerze aus. Zwar wie eine schmutzige, doch immerhin eine Kerze. Es roch sehr hässlich, doch das störte uns wenig. Frohgemut fingen wir eine Massenproduktion an, bis der hässliche Klumpen restlos verbraucht war. Dass es viele Stunden dauerte nahmen wir gelassen in Kauf. Nun konnte Weihnachten kommen.

Mit großer Mühe trieben wir ein Bäumchen auf und in diesem Jahr überließ die Mutter uns das Schmücken. Schließlich hatten wir doch das Wichtigste dazu beigetragen. Dummerweise war es keinem von uns eingefallen, eine der „Kerzen" vor dem Fest auszuprobieren. Deshalb erlebten wir am Heiligen Abend, wie sich unsere Produkte verhielten. Sie wurden angezündet, was merkwürdig schwierig war. Pro Kerze ein Streichholz, und wir hatten doch so wenige. Da nahmen wir Fidibusse. Bis ein Fidibus brannte war die erste Kerze schon mit einem hörbaren Zischen erloschen. Sie schien sogar zu spucken! Man konnte ihre kleinen „Nieserchen" wirklich sehen. Anzünden – pitsch, anzünden - pitsch. Das war nur bei den ersten drei Kerzen zum Lachen. Danach ging uns auf, dass das nichts mehr wurde mit „am Weihnachtsbaume die Lichter brennen"! Seufzend gaben wir auf. Wir bedauerten uns sehr, weil die Riesen-schweinerei, beim Kerzenziehen entstanden, und mühsam von uns weggeputzt, so völlig umsonst gewesen war.

Später benutzten wir diese Geschichte noch öfter, um sie im Freundeskreise zu erzählen. Die Lacher blieben nie aus.

Ruth Maaß