Hoffen auf die NO's (= Normal-Oldies)
So langsam aber sicher gehe ich auf die 60 zu. Nein, ich sehe nicht aus wie 54 und will es auch gar nicht. Ich stehe zu meinem Alter, besser: ich würde gern zu meinem Alter stehen, wenn man mich denn lassen würde. In Vorbereitung auf mein Leben jenseits von 60 habe ich mich intensiv mit der Selbstwahrnehmung und der Außendarstellung des Jahrgang > 1949 beschäftigt und eine recht interessante Feststellung gemacht: Es gibt zwei verschiedene Kategorien von über 60 Jährigen:
Die einen setzen alles daran, für jünger gehalten zu werden, indem sie ihr wahres Alter verschweigen, sich von ihren Enkelkindern mit Vornamen anreden lassen, sich schmerzhaften Bauchliftings unterziehen, um im bauchfreien Outfit immer noch lächerlich auszusehen, vermeintlich jugendliche Hobbies betreiben (ganze Sportindustriezweige leben davon), oder mit Jahrzehnte jüngeren Partnern durchs Leben hecheln.
Die zweite Kategorie ist zahlenmäßig erheblich kleiner. Diese Üses (= über 60 Jährigen) halten ihr Lebensalter für eine Art Verdienst, welcher sie berechtigt, Respekt einzufordern, für klug und weise gehalten zu werden und sie mit dem Privileg des Immer-Recht-Habens ausstattet. Der Vorteil der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe liegt eindeutig darin, dass die Mitglieder sich bequem kleiden dürfen, keine mörderischen Sportarten ausüben müssen und in altersgerechten Kreisen verkehren dürfen.
Ich möchte keiner der beiden Kategorien angehören. Die erste ist mir einfach zu anstrengend und in der zweiten ist es nicht nur totlangweilig, sondern man wird von keinem vernünftigen Menschen ernst genommen.
Leider konnte ich eine dritte Kategorie trotz intensiver Recherche nicht wirklich nachweisen. Meine Vermutung ging zunächst dahin, dass sich nicht alle Üses auf die oben genannten zwei Kategorien verteilen, sondern dass es eine dritte Gruppe geben muss, die vielleicht mehr subversiv und konspirativ ihre Daseinsberechtigung zu verteidigen sucht.
Sorgfältige Beobachtungen ließen mich anfänglich Anzeichen für die Existenz dieser dritten Kategorie finden: Ich traf auf Großmütter, die sich in aller Öffentlichkeit wieder mit „Omma“ anreden lassen. Die können gar nicht zur Kategorie 1 gehören, weil sie da Gabi oder Ingrid heißen würden. Sie können aber auch nicht der zweiten Kategorie zugerechnet werden, weil sie dort Großmutter oder zumindest Ohma (ggf. auch Omi) gerufen werden würden.
Noch beweiskräftiger schien mir folgender Vorfall: Lautstark weist eine Silberlocke den diensthabenden Schalterbeamten des DB-Service-Centers darauf hin, dass sie erstens laut Perso 61 sei und zweitens den Internetbonusvoucher (sprich: …-wautscher) eingelöst haben möchte, wofür ihr die anstehende Bahnfahrt zum Superspecialpreis inklusive Reservierung und drei Extra-Goldpunkten auf ihrer G-A-Card (sprich: Dschi-Ei-Kart = Golden-Ager-Karte) zustehe. Selbstverständlich kann diese Dame nicht der 1. Kategorie angehören, dort werden nämlich Personenstandsdaten nur noch im Todesfall übermittelt, aber auch die zweite Kategorie fällt aus, weil dort das Internet noch nicht benutzt wird.
Leider ging ich fehl in der Annahme, dass Kategorie 1 und 2 Versager automatisch einer weiteren, der von mir gesuchten Kategorie 3 angehören müssen. Das wurde mir wenig später völlig unerwartet, aber dafür umso drastischer vorgeführt: In der Schalterhalle der örtlichen Sparkasse überhörte ich folgenden Dialog zwischen einem jungen Banker und einer Kategorie 1 Dame, dem Äußeren nach zu schließen (blond gefärbte Haare, maskierte Gesichtszüge, hautenge Schläuche an den Beinen und über allem ein durchsichtiges wallendes Obergewand, unter welchem ein bronzefarbenes Top zu erkennen war). Spricht der Banker: „Gnädige Frau, sind Sie vertraut mit unseren Seniorenprodukten? Wir bieten unserem vermögenden Klientel für die Prä-Seniorenphase eine innovative Hausratversicherung mit garantierter Nachkaufgarantie für durch Einbruchdiebstahl entwendetes Meißener Porzellan an, wahlweise in Kombination mit unserer Oberschenkehalsbruch-Police, für Alzheimer basierte Sportunfälle, ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Produktwelt der Golden Ager.“ Schweigen. Dann ein gezischtes: „Junger Mann, was erlauben Sie sich? Für wie alt halten Sie mich denn? So etwas kommt doch frühesten in 15 Jahren für mich in Frage. In meinem Alter muss ich mich mit derlei Ruhestandsversicherungen noch nicht auseinandersetzen.“
Während ich noch stolz auf meine a priori Kategorisierung der Probandin einen Strich auf meiner imaginären Kategorie - 1- Liste verzeichnete, hatte sich der Banker schon erholt und sich seines Cross-Selling-Coachings erinnert: „Sorry, aber ich war in Gedanken noch bei meinem letzten Kunden, jetzt bin ich ganz bei Ihnen und Ihren finanziellen Bedürfnissen: Wir haben da für die Vermögensbildungsphase eine erstklassige Hedgefonds-basierte taiwanesische Schwermetallaktie, die bei einer Laufzeit von 30 bis 40 Jahren garantiert über dem derzeitigen Yen-Index liegen wird; die Einzelheiten würde ich Ihnen gern anhand dieses Prospektes erklären.“ Pause. Dann ein säuerliches: „Sie sind unverschämt und vergreifen sich im Ton und in der Wortwahl. Ein so respektloses Verhalten gegenüber der älteren Generation muss ich mir nicht bieten lassen. Bitte rufen Sie Ihren Vorgesetzen.“ Während des einsetzenden Tumults brach meine Kategorientheorie in sich zusammen. Was ich da zuletzt gehört hatte, war so eindeutig im Wortschatz und der konnotativen Bedeutungen der Kategorie 2 zuzuordnen, dass es überhaupt keinen Zweifel gab. Auch die Einsicht, dass ich es hier zweifellos mit einem Kategorien-Hopper zu tun hatte, einem ganz und gar schwachen Charakter, der je nach Situation seine Vorteile aus der Kategorie 1 oder 2 bezog, konnte meine grenzenlose Enttäuschung nicht abschwächen.
Alles umsonst, alle Beobachtungen, alle Detailforschung für nichts und wieder nichts. Es gibt keine 3. Kategorie! Die Mehrzahl der Üses möchte sich nicht als solche zu erkennen geben. Einige wenige, verirrte Üses wollen Kapital aus ihrer vermeintlichen Altersweisheit schlagen. Dazwischen rangieren die Hopper, die mal so mal so reagieren, je nach Bedarf. Für eine 3. Kategorie, der ich schon den wissenschaftlichen Namen Oh Em Em Ah (englich: Granny sprich Dschi Arr Äi En En Wai) gegeben hatte, existiert nicht und wird auch nie existieren, denn die oben zitierte Omma hat sich nur im emotionalen Enkelkinderglückstaumel so titulieren lassen, und die Bahntante muss retrospektiv ebenfalls als Hopper eingeordnet werden.
So sieht die traurige Wahrheit aus. Was mich jetzt nur noch aufrecht hält, ist die Hypothese, dass die Üsis (richtig, die über 70 Jährigen) vielleicht ganz andere, eindeutigere Kategorien bilden, mit einer starken Tendenz weg von der Kategorie 1 und weg von der Kategorie 2 hin zur Kategorie 3 der altersbejahenden NO's (= Normal-Oldies).
Sabina Wefing