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Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande (Johann Wolfgang von Goethe)

Man sieht sie: kleine Kinder, die - stolz und im festen Glauben, schon selbständig zu sein - ihre Jacke oder ihren Mantel anziehen und das Zuknöpfen alleine bewältigen wollen.  Dass sie oftmals das erste Knopfloch verfehlen und somit für den letzten Knopf keine Verwendung mehr haben, ist ihnen nicht wichtig. Sie suchen auch nicht nach Gründen und fürchten keine Konsequenzen. Die Jacke ist geschlossen und nur darauf kommt es an.

Man sieht auch sie: ältere Menschen, denen es ähnlich ergeht. Jenseits jeglicher Eitelkeiten sorgen sie ausschließlich dafür, dass das mit einigen Mühen übergestreifte Kleidungsstück letztendlich geschlossen ist. Haben sie - gleich den Kindern - nicht zu Beginn ertastet, welcher Knopf zu welchem Knopfloch gehört, bleibt auch hier am Ende ein Knopf über, für den sich keine Verwendung findet. Aber auch das löst keine Panik aus. Geschlossen ist geschlossen.

So weit - so gut , wären da nicht Diejenigen, die ein solcher Anblick irritiert und die sich verleitet sehen, nicht nur gedanklich, sondern auch verbal und entsprechend tatkräftig eine Korrektur einzuleiten - Knopf für Knopf. Nach dem WARUM braucht man gar nicht erst zu fragen.  Das Ergebnis muss für sie einfach stimmig sein, eine Schieflage kann nicht hingenommen werden.

Gerade hatte ich - so wollte es der Zufall - eine derartige Situation beobachtet und mich köstlich amüsiert. Auch fiel mir gleich wieder das Zitat von Johann Wolfgang von Goethe ein: "Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande", wagte aber nicht, es zum besten zu geben. Schade eigentlich, denn zutreffender kann man den Spruch ja gar nicht anwenden ... 

Nun bin ich weder das beschriebene Kind noch habe ich - im Moment jedenfalls -  den Zustand erreicht, wo ich  die beschriebene Hilfe in Anspruch nehmen müsste. Und trotzdem befinde ich mich in einer ähnlichen Situation, was mir plötzlich klar wird und zeigt, dass das Zitat auf alle Bereiche anwendbar ist. Mir bleiben nämlich nur noch wenige Tage bis zur Fertigstellung einer Aufgabe, bei der "dem ersten Knopf" ebenfalls große Bedeutung beigemessen werden muss, denn sonst "komme auch ich mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande." Sollte ich vielleicht ruhig schon vorab nach einer helfenden Hand Ausschau halten und nicht erst, wenn für den letzten Knopf keine Verwendung mehr ist ??  Es scheint ja immerhin so zu sein, dass der, der den nötigen Abstand hat, oftmals auch über den besseren Überblick verfügt ...

Tatjana Scherber